Industriekultur auf Gut Eglsee

Die industrielle Revolution erreichte ab 1850 auch das Königreich Bayern. Diese maßgeblichen Veränderungen zeigten sich auch in der Landwirtschaft. So wurde zum Beispiel der Dampfpflug zum ersten Mal in Bayern von Carl I. eingesetzt. Aber auch der Baustil der neuen Gebäude in Eglsee zeigte die Veränderungen in der Architektur – großzügige und funktionale Gebäude wurden errichtet. Als markantes Beispiel gilt die im Jahr 1892/1893 errichtete Gutsbrennerei mit Schornstein, der noch heute weithin sichtbar ist.

Bereits 1881 wurde von Carl Phillip Paul auf dem Schlosshof in Loham, den er als Generalpächter betrieb, eine Kartoffel-Spiritus-Brennerei installiert. Die bestehende Kornbrennerei wurde dabei umfangreich umgebaut und erweitert. So entstand eine der ersten landwirtschaftlichen Kartoffelbrennereien in Bayern, die der Herstellung von Industriealkohol diente.

Die Aufkonzentrierung des Alkohols erfolgt nach dem Prinzip der Destillation. Als Brennerei wird sowohl das Gebäude, in dem die benutzten Apparaturen stehen, als auch das betreffende Unternehmen bezeichnet. Ähnliche Anlagen wurden in den Folgejahren auf Gut Puchhof, Gut Makofen, Gut Steinach und auf Gut Münchshöfen installiert.

Die Familie Carl Beckmann unterstützte vor allem die Zusammenarbeit aller bayerischen Spiritusbrennereien und so engagierte sich Carl I. im Vorstand ab 1882 (Regensburger Genossenschaft) und sein Enkel Carl Heinrich (Carl III.). Er hatte 1946 die Idee, dass die Landwirten aus dem Gäuboden (Straubinger und Regensburger Gäu) und der Münchner Schotterebene zusammenarbeiteten, um gemeinsam schlagkräftiger zu sein. Es kam zur „verspäteten“ Fusion aus der „Ostbayerischen Spiritusvereinigung Regensburg“ und der „Münchner Spiritus-Verwertungsgenossenschaft“, die 1934 durch die Nationalsozialisten aufgelöst worden waren. Dieser Zusammenschluss firmierte  unter dem Namen „Süddeutsche Spirituserzeugergenossenschaft“. 1950 wurde der Name  offiziell in „Verband bayerischer landwirtschaftlicher Brennereien“ umgewandelt. In dieser Zeit war Carl Heinrich (Carl III.) Gründungsvorstand. Umfangreiche Unterlagen sind noch heute im Registergericht München einsehbar.

In einer Brennerei wird die komplette Wertschöpfung der Spirituosenherstellung durchgeführt: die Annahme der gelieferten Rohstoffe und die Qualitätskontrolle, die Lagerung (in Eglsee in einem unterirdischen Kartoffelkeller gegenüber der Brennerei) und die Verarbeitung zur Maische, die Vergärung des Zuckers sowie das Brennen und die Lagerung des Destillats, bis dieses vom Staat abgeholt wird. Der Betrieb einer Brennerei unterliegt der Brennereiordnung, einer Anlage zum Branntweinmonopol.

Die Brennerei auf Gut Eglsee hat Stärkekartoffeln zur Industriealkoholgewinnung verarbeitet. So wurde Agraralkohol mit mindestens 96 % reinem Ethanol produziert. Dieses ist  geruchs- und geschmacksneutral. Neben der Weiterverarbeitung zu Spirituosen wird Agraralkohol auch bei der Herstellung von Arzneimitteln, Kosmetika, Reinigungsmitteln, Desinfektionsmitteln, Farben und Lacken verwendet. Der Brennereibetrieb wurde auf Eglsee  – wie flächendeckend in ganz Deutschland – wegen dem Wegfall des Branntweinmonopols 2009 eingestellt. Das Ziel ist heute, diese agrarhistorischen Kenntnisse der Vergangenheit zu bewahren und zukünftigen Generationen zur Verfügung zu stellen.

Zudem dienen diese Informationen als Anregung, sich Gedanken zu machen, wo landwirtschaftliche Produkte hergestellt werden sollen. Ist es richtig, die Industriealkoholproduktion in Bayern und Europa einzustellen und die günstigeren Alternativen aus Südamerika und Asien einzuführen? Nicht nur der wenig ökologische Transport über die Weltmeere muss dabei berücksichtigt werden, sondern auch der Anbau von genetisch veränderten Pflanzen. Ebenso ist der übermäßige Einsatz von Pestiziden in diesen Schwellenländern nicht außer Acht zu lassen.

Wir treten dafür ein, dass es sich nach dem Wegfall des Branntweinmonopols, der Milch- und Zuckerrübenquote wieder für Landwirte lohnt, vernünftige Verkaufspreise zu erzielen. Nur so kann die bäuerliche Bewirtschaftung erhalten bleiben und nachweisbar erläutert werden, wo und mit welchen Methoden bzw. Lebensmitteln produziert wurde. Das können die sieben großen Lebensmittelkonzerne nicht!

Publikation: Wolfgang Sturm, Technologische und gesellschaftliche Entwicklung der Branntweinwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung von Gut Eglsee, TU München 2017.
(einsehbar in der Bayerischen Staatsbibliothek, Straubinger Stadtbibliothek und Gutskontor Eglsee)